Zeitungsbericht der Rhein-Neckar-Zeitung vom 21.6.2017

Am Dienstag wurde an der Hubert-Sternberg-Schule in Wiesloch eine moderne, vernetzte Produktionsstätte eröffnet.

Foto © by H&B Pressebild Pfeifer, Helmut + Jan A. Pfeifer, Barlachstraße 15, D - 69168 Wiesloch

Wiesloch. (seb) "Optimale Lernbedingungen", "Vorzeigeprojekt der beruflichen Ausbildung", "praxisnah und bereits einen Schritt in der Welt von Morgen": Regelrecht ins Schwärmen gerieten die Besucher am Dienstag bei der Eröffnung der "Lernfabrik 4.0" an der Hubert-Sternberg-Berufsschule in Wiesloch, allen voran Landrat Stefan Dallinger, Hubert Wicker, Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium, sowie Schulleiter Jürgen Becker und Klaus Heeger, Projektleiter vor Ort.

In Gebäude C wurde auf über 140 Quadratmetern eine komplexe und vernetzte Produktionsanlage errichtet. Hier lassen sich beispielsweise am Fließband, durch einen Roboterarm, individualisierte Handyschalen gestalten und produzieren. Daneben führten Schüler vor, wie sie am "smarten" Produktionsstand Getriebe oder auch Elektroantriebe herstellen. Das Zukunftsweisende: Rohstofflager, Förderband, Montagestand, 3D-Drucker, Montagepresse und Roboter sind miteinander vernetzt.

Wie Jürgen Becker betonte, seien es nicht etwa die gegenwärtigen Technologien, die zum Einsatz kommen, "wir sind hier in der Zukunft". Die Zeiten, als Schulen noch von Firmen ausgemusterte Maschinen nutzen mussten, seien ohnehin lange vorbei. Aber dass intelligente Fertigungsanlagen praktisch frisch von der diesjährigen Industriemesse in Hannover von der Schule genutzt werden können, sei noch nie da gewesen.

Vernetzung ist der Schlüsselbegriff: Die Maschinen kommunizieren miteinander und die Menschen sind mit eingebunden, sowohl Kunden als auch Facharbeiter und Betriebsleitung. Vernetzt ist auch die Sternberg-Schule: nämlich mit der kaufmännisch geprägten Johann-Philipp-Bronner-Schule nebenan sowie den Berufsschulen in Eberbach, Weinheim, Sinsheim und Schwetzingen. Laut Schulleiter Becker hat jede Schule "wegen ihrer jeweiligen Bildungsgänge andere Aufgaben". Die Bronner-Schule ist für betriebswirtschaftliche Abläufe und den Kundenservice zuständig, Eberbach kümmert sich um die Logistik, Weinheim und Schwetzingen sind auf Automatisierungs- und Steuerungstechnik spezialisiert, in Sinsheim arbeiten die Zerspanungstechniker. An der Sternberg-Schule befindet sich die Leitzentrale. Diese gemeinsame Lernfabrik kann die komplette Wertschöpfungskette von Zulieferung über Planung, Fertigung und Automatisierung bis hin zu Qualitätskontrolle und Vertrieb abbilden.

Wie gut die Sternberg-Schule mit der Wirtschaft in der Region vernetzt ist, zeigt sich laut Becker darin, dass man mehr als 220.000 Euro an Drittmitteln für die Lernfabrik erhalten hat - und zu diesem Geld kommen noch Sachspenden wie ein "smarter" Produktionsstand "von unschätzbarem Wert". Die Unternehmen haben natürlich ein reges Interesse an der Lernfabrik: um nämlich ihre Fachleute weiterzubilden. Dieser Aspekt ist laut Becker mindestens ebenso wichtig wie die Ausbildung der Schüler. "Wir versuchen, gerade kleinere und mittlere Betriebe eng einzubinden", so Becker, "sie können hier Kurse veranstalten und ihren Mitarbeitern so die moderne Technik näherbringen".

Bloß weil die Industrie 4.0 so "smart" geworden ist und den Maschinen quasi das Selberdenken beigebracht wurde, heißt das nicht, dass der Mensch zum Assistenten für kleine Handreichungen degradiert wird. "Gebraucht werden hochgebildete Fachleute", erklärte Jürgen Becker, Schubladendenken könne sich niemand mehr leisten, auch die Vernetzung der Fachgebiete werde enger.

"Sechs berufliche Schulen werden mit Hilfe modernster Technik die Ausbildung in verschiedenen Berufszweigen vernetzt anbieten können", so Landrat Dallinger: Damit gelinge "ein wichtiger Schritt in Richtung vernetzte Arbeitswelt und digitale Zukunft". Knapp 1,5 Millionen Euro flossen in die Lernfabrik, "sehr gut investiertes Geld", so Dallinger. Nach Abzug eines Landeszuschusses von 500.000 Euro und der erwähnten Drittmittel verblieben rund 700.000 Euro beim Kreis.

Ministerialdirektor Hubert Wicker hob die Bedeutung der vierten industriellen Revolution hervor: Das Leben werde sich generell grundlegend wandeln und die intensive Kommunikation zwischen Mensch und Maschine sowie den Maschinen untereinander sei der "Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft". Um diesen Wandel mitzugestalten, bieten Baden-Württemberg und gerade auch der Rhein-Neckar-Kreis "ideale Voraussetzungen", so Wicker. Insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen versuche man, den "Weg zur digitalen Wirtschaft der Zukunft" zu ebnen, etwa durch Wettbewerbe wie kürzlich "100 Orte der Industrie 4.0" : Hier habe man praxisnahe Lösungen ausgezeichnet (die RNZ berichtete am Beispiel der Firma Aucobo aus Walldorf), "die Vorbild für andere Unternehmen sein können".

"Für uns ist das natürlich eine tolle Werbung", erklärte Schulleiter Becker. Es mache die Sternberg-Schule attraktiver, wenn die Schüler alle Möglichkeiten der industriellen Fertigung kennenzulernen - "nicht nur theoretisch, sondern am praktischen Beispiel".

Erstellt am 26.06.2017 von Holger Ruhl, Kategorie(n): Events